Geschichte der Deutschen Sprachgeschichte und –wissenschaft und der Älteren Literaturwissenschaft in Basel

- Wilhelm Wackernagel (1806-1869)

- Moritz Heyne (1837-1906)

- Otto Behagel (1854-1936)

- John Meier (1864-1954)

- Adolf Socin (a.o. Prof. 1894-1904)

- Wilhelm Bruckner (a.o. Prof 1905-1940)

- Eduard Hoffmann-Krayer (a.o. / o. Prof. 1909-1939)

- Julius Petersen (o. Prof. 1912-1915)

- Rudolf Unger (o. Prof. 1915-1917)

- Franz Zinkernagel (o. Prof. 1917-1935)

- Andreas Heusler (1865-1940)

- Friedrich Ranke (1882-1950)

- Heinz Rupp (o. Prof. 1958-1988)
Die Zeit vor der Gründung der Philosophischen Fakultät
Auch wenn unter den ersten Professoren der 1460 gegründeten Basler Universität ein Literat wie Sebastian Brandt zu finden ist und Basel im 15. Jahrhundert als Mittelpunkt hervorragender Übersetzungstätigkeit gilt – die theoretische Beschäftigung von Basler Professoren mit der Volkssprache setzt erst im zweiten Drittel des 16. Jahrhunderts ein. Sprachunterricht und Bibel-Exegese erforden Nachschlagewerke. Schon 1523 war die Basler Ausgabe von Luthers Septemberbibel vermutlich durch den Drucker Adam Petri mit einem der ersten deutsch-deutschen Wörterbücher, dem "Petri-Glossar", versehen worden. Nun erscheint 1536 das Dictionarium latino-germanicum des Johannes Fries, eines Zürcher Theologen, der zwischen 1535-1538 als Professor für lateinische und griechische Sprache an der Universität Basel tätig ist.
Die deutschsprachige Kolumne des 1584 durch Adam Henricpetri in Basel herausgegebenen sechssprachigen Wörterbuchs (Dictionarium Hexaglottum) von Ambrosius Calepinus, wird durch Christian Wurstisen (1544-1588) erstellt. Wurstisen, ein vielseitig interessierter Gelehrter, Platter-Schüler und Theologe, ist Professor der Mathematik, weil ihn die Kleinbasler als Pfarrer ablehnten:„Si kondend ihn nit verston und fassen in seinen predigen, was er rede.“
Im Gefolge der zahlreichen deutschen Sprachgesellschaften wird 1754 in Basel eine „Deutsche Gesellschaft“ zur Pflege der neuen deutschen Schriftsprache durch den Augsburger Johann Jakob Spreng gegründet. Spreng, in Wien zum „poeta laureatus“ ernannt, ist ausserordentlicher Professor der deutschen Poesie und der Eloquenz (des Lateinunterrichts), hält Vorlesungen zur Schweizer Geschichte und stellt ein erstes baslerisches Mundartwörterbuch (Idioticon Rauracum) zusammen.
Deutsche Philologie an der „Neuen Universität“ nach 1818
Das Universitätsgesetz von 1818 stellt die Artistenfakultät Basels als Philosophische Fakultät den drei Fakultäten Theologie, Jurisprudenz und Medizin gleich. Ihr bisheriges Lehrziel, die Studenten für das Studium an den „oberen“ Fakultäten vorzubereiten, übernimmt das Pädagogium. Die Philosophische Fakultät erhält acht Lehrstühle, darunter einen für Deutsche Literatur einschliesslich der Theorie der schönen Wissenschaften. Der erste Inhaber des Lehrstuhls für Deutsche Literatur ist der Sachse Carl Friedrich Sartorius (1793-1835), der von 1819 bis zur wenig rühmlichen Entlassung 1832 über deutsche Literatur des Mittelalters und der Neuzeit, Rhetorik und Stilkunde, Mythologie der Griechen, Poetik und Ästhetik liest.
Mit der Wiedereröffnung der Universität nach der Kantonsteilung 1835 in Basel-Stadt und Basel-Land beginnt eine Phase des Aufschwungs der Deutschen Philologie an der Universität Basel. 1832 ist auf Empfehlung von Karl Lachmann und Jakob Grimm der junge und engagierte Berliner Gelehrte Wilhelm Wackernagel (1806-1869) für das Fach „Deutsche Literatur“ gewonnen worden. Wackernagel kommt aus der Schule der historisch vergleichenden Sprachwissenschaft; er wird das Gesamtgebiet der deutschen Philologie und Altertumskunde in Forschung und Lehre abdecken, der von ihm vertretenen, jungen Disziplin zu wissenschaftlichem Ansehen verhelfen und eine reiche Publikations- und Editionstätigkeit entwickeln.
Da an den Basler Lehrstuhl für Germanistik eine Unterrichtsverpflichtung gegenüber den obersten Klassen des Päda-gogiums gebunden ist, fällt es 1869 schwer, Wackernagels Nachfolge zu regeln: Man wird sich auf Moritz Heyne (1837-1906) einigen, der insbesondere zu Grammatik, Syntax, Sprachgeschichte und Wortforschung, aber auch zur Literaturgeschichte der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts liest. Heyne wird Basel nach dreizehn Jahren verlassen, um in Göttingen im Rahmen einer eigens für ihn geschaffenen Professur ausschliesslich am Grimmschen Wörterbuch mitzuarbeiten.
Ihn ersetzt 1883 der „Junggrammatiker“ Otto Behagel (1854-1936). Der Schüler Karl Bartschs hatte zum Heliand, zu Heinrich von Veldecke und Johann Peter Hebel publiziert; er wird für fünf Jahre an Universität und Pädagogium unterrichten, die germanische Philologie umfassend vertreten und in seinen Übungen die baseldeutsche wissenschaftliche Dialektologie ins Leben rufen.
1885 wird das Deutsche Seminar, bis 1913 mit dem Romanischen verbunden, als Germanisch-Romanisches Seminar eröffnet. Aus den Statuten ergibt sich, dass es nicht nur das wissenschaftliche Studium fördern, sondern auch die künftigen Sprachlehrer an Gymnasien und Realschulen vorbereiten soll.
Als Behagel einem Ruf nach Giessen folgt, fällt die Neubesetzung des Lehrstuhls erneut schwer: An anderen Universitäten besteht bereits eine Arbeitsteilung zwischen (neuerer) Literatur- und Sprachwissenschaft, die Basel, das an der Wackernagelschen Tradition festhält, erst 1912 offiziell einführen wird. Gewählt wird 1888 Rudolf Kögel (1855-1899), ein Leipziger Experte des Althochdeutschen, der zu Literatur und Sprache des Mittelalters, der Reformationszeit, zur Formen- und Lautlehre, aber auch zu Goethe und Gottfried Keller lehrt und forscht.
Nach Kögels frühem Tod wird 1899 John Meier (1864-1954) nach Basel berufen, dessen Forschungsschwerpunkt im Bereich der Edition und Analyse deutscher Volkslieder, der Volkskunde und der Erforschung von Studenten- und Soldatensprache liegt. Meier setzt sich dafür ein, dass in Basel eine ausserordentliche Professur für Phonetik, schweizerische Mundarten und Volkskunde geschaffen wird. Mit deren Einrichtung zeichnet sich eine graduelle Trennung der Zuständigkeiten unter den Professoren ab: Die Inhaber des Ordinariats werden sich zunehmend mit der neueren Literatur befassen, die bis dahin besonders durch Privatdozenten wie Stephan Born (a.o. Prof. 1884-1898) und Albert Gessler (a.o. Prof. 1903-1914) vertreten worden ist, während die ältere Literatur und die Sprachgeschichte in den Händen eines Extraordinariats liegen. Dieses wird in der Folge besetzt durch Adolf Socin (a.o. Prof. 1894-1904), Wilhelm Bruckner (a.o. Prof 1905-1940), und Eduard Hoffmann-Krayer (a.o. / o. Prof. 1909-1939), Männer baslerischer Herkunft, die sich besonders in den Gebieten der Mundart- und Namens-Forschung sowie um die Volkskunde verdient gemacht haben.
In der Folge finden sich als Vertreter des Gesamtfaches mit Schwerpunkt der Lehrtätigkeit in der neueren Literaturgeschichte Julius Petersen (o. Prof. 1912-1915), Rudolf Unger (o. Prof. 1915-1917) und endlich Franz Zinkernagel (o. Prof. 1917-1935), dem 1936 der bisherige Zürcher Privatdozent Walter Muschg (o. Prof. 1936-1965) folgen wird. 1968 beginnt die Ära Karl Pestalozzi – Martin Stern, die erst kurz vor der Jahrtausendwende endet, seit den 80er Jahren geprägt auch durch die Tätigkeit von Christoph Siegrist.
Die ältere germanische Philologie erhält 1920 ihr eigenes Ordinariat, eingerichtet für Andreas Heusler. Heusler, 1865 in Basel geboren, Schüler Behagels und Hermann Pauls, hatte sich kaum fünfundzwanzigjährig in Berlin habilitiert, ist Mitglied der Preussischen Akademie der Wissenschaften und kommt nach fast dreissigjähriger Berliner Lehrtätigkeit nach Basel zurück, wo er bis 1936 lesen wird. Lehr- und Forschungsschwerpunkte liegen in der nordischen und germanischen Philologie, der germanischen Altertumskunde und der Verslehre.
Auf den verwaisten Lehrstuhl folgt 1938 Heuslers Schüler und Freund Friedrich Ranke. Die Forschung des 1882 geborenen Lübeckers gilt nicht so sehr wie diejenigen Heuslers der vorchristlichen Zeit, sondern dem höfischen Mittelalter. Intensiv beschäftigt sich Ranke mit Gottfried von Strassburg und der Geschichte der Tristan-Dichtung von ihren keltischen Anfängen bis zu ihren späten deutschen Bearbeitungen, mit Wolfram von Eschenbach, mit Nibelungenlied, Geistesgeschichte und Ästhetik des Mittelalters; u.a. wird er Gottfrieds Tristan, das Rostocker Liederbuch und das Osterspiel von Muri edieren.
Als Ranke 1950 unerwartet stirbt, wird 1952 Heinrich Wagner aus Utrecht nach Basel berufen. Ersetzt wird Wagner als er 1958 nach Dublin weiterzieht durch Heinz Rupp, bisher a.o. Professor in Mainz, der den Lehrstuhl bis zu seinem Ruhestand 1988 innehaben wird. Rupp, der Rufe nach Innsbruck, Kiel und Freiburg im Breisgau ablehnt, wird besonders in den Bereichen der weltlichen und religiösen Literatur des Mittelalters, der deutschen Wortgeschichte, der Mundart und Schriftsprache und der gesprochenen Gegenwartssprache forschen und so die Einheit von Literatur- und Sprachwissenschaft weiter hochhalten.
Deren Trennung wird mit der linguistischen Wende in den späten 1960er und den 70er Jahren zunehmend institutionell vollzogen. Beide Teilgebiete sind in Basel mit Ordinarien versehen, die auf Grund der stetig wachsenden Studierendenzahlen durch weitere Extraordinarien unterstützt werden. 1956 erhält Ernst Erhard Müller den Lehrstuhl für „Geschichte der deutschen Sprache und besonderer Berücksichtigung der Mundartforschung“. Beim Antritt Heinrich Löfflers 1975 kann die Linguistik als selbständiges Teilfach innerhalb der Deutschen Philologie angesehen werden, dessen Objekt die Sprache in vergangenen und gegenwärtigen Erscheinungsweisen ist.
Die durch Rupp vertretene ältere Germanistik wurde seit 1984 beziehungsweise 1987 durch Lehrveranstaltungen Rolf Max Kullys und Peter Ochsenbeins verstärkt. Die Verbindung von Literatur- und Sprachwissenschaft bleibt in der germanistischen Mediävistik unter Rupps Schüler und Nachfolger Rüdiger Schnell bestehen, wobei Schnell auch für die zunehmend kulturwissenschaftliche Ausrichtung der mediävistischen Forschung und Lehre verantwortlich ist.
Nach der Emeritierung Rüdiger Schnells wurde Gert Hübner zum Frühjahrssemester 2009 auf die mediävistische Professur berufen, deren Denomination nun „Germanistische Mediävistik im Europäischen Kontext“ lautet.
Mehr zur Geschichte der Deutschen Philologie an der Universität Basel bei:
Edgar Bonjour, Die Universität Basel von den Anfängen bis zur Gegenwart, 1460-1960, 2., durchges. Aufl., Basel 1971.
Heinrich Löffler, Germanistische Sprachwissenschaft, in: Sprachwissenschaft in Basel 1874-1999, Akten des Symposiums vom 30. Oktober 1999, hg. v. Rudolf Wachter, Basel 2002.
Internationales Germanistenlexikon: 1800-1950, hg. u. eingeleitet v. Christoph König, Berlin 2003.
Die Fotographien der Professoren sind alles Reproduktionen aus dem Bestand des Deutschen Seminars, bzw. digitalisierte Abbildungen aus dem Band: Heinrich Löffler, Sprachwissenschaft in Basel 1874-1999, hg. von Rudolf Wachter, Basel 2002.


