Forschungsprojekt

 

Promotionsschrift: Poetik der Wunde. Brentano – E.T.A. Hoffmann – Kleist

In Clemens Brentanos ›verwildertem‹ Jugendroman Godwi oder Das steinerne Bild der Mutter (1801) findet sich eine in der Literatur um 1800 einzigartige, frappante Formulierung: An einer marmornen Frauengestalt »erschließt« sich dem Kunstwerksbetrachter »gleichsam eine Wunde, die dem Ganzen Einheit giebt«. Dass der Statue ausgerechnet eine Wunde (hin)zugefügt wird, welche zudem die »Einheit« der Plastik garantiert, ist höchst bemerkenswert. Denn fügt die Wunde der glatten Oberfläche der Statue nicht einen Riss zu, der, gemessen an den Parametern des klassizistischen Kunstschönen, die Einheitlichkeit des Kunstwerks gerade unterbricht? Verletzt die Versehrung des Statuenkörpers nicht auch die zeitgenössischen medizinisch-anthropologischen Normen eines in sich geschlossenen Körpers, nämlich die Modelle vom ›ganzen Menschen‹ und vom homo clausus? Brentanos paradoxiegeladenes Bild von der Einheit in der Wunde erscheint vor diesem Hintergrund als ein Skandalon gegenüber den Ganzheitsdiskursen seiner Zeit. Es erhebt gerade das von diesen Diskursen Ausgeschlossene, die Wunde, zum Zentrum seines Kunstverständnisses und eröffnet damit eine bemerkenswerte Verbindung zwischen Wunde und Ästhetik. Genau nach dieser Verbindung fragt die Studie Poetik der Wunde. Brentano – E.T.A. Hoffmann – Kleist.

Die Studie verfolgt die leitende These, dass das Phänomen ›Wunde‹ als ästhetisches Grundprinzip der Literatur um 1800, insbesondere der Romantik fungiert. Die Studie untersucht das Wundenmotiv bei den Autoren Clemens Brentano, E.T.A. Hoffmann und Heinrich von Kleist, sowie auch bei Goethe, in seinen unterschiedlichen motivischen Erscheinungsformen – als christlich-katholisches Symbol, als Verletzung der Psyche und als materielle Körperversehrung – und verbindet damit die grossen Thematiken der Stigmatisation Christi (Brentano), des Traumas (Hoffmann), sowie des Kannibalismus und seiner Sonderform des Vampirismus (Kleist, Hoffmann). Allen diesen Thematiken ist gemeinsam, dass ihren literarischen Darstellungsformen eine Semiotik der Wunde zugrundeliegt: Die Wunde als paradoxale Figur des Zwischen lässt die Texte in Struktur und Sprache selbst ›wundenförmig‹,  lässt sie unvollständig und offen werden.

Die Idee einer Poetik der Wunde erlaubt es, einen innovativen und spezifischeren Blick auf die charakteristische Fragmentarität und Offenheit romantischer Texte zu werfen. Indem die Studie die Wirkmächtigkeit des Wundenmotivs nicht nur in der Romantik, sondern auch bei Kleist und Goethe demonstriert, lässt sie die Grenzen zwischen dem ›ganzheitlichen‹ Klassischen und dessen fragmentiertem ›Anderen‹ brüchig werden. Die Figur der Wunde wird als der treibende Motor einer spezifisch modernen Literatur entdeckt. Durch den Einbezug anthropologischer und medizingeschichtlicher Aspekte zeigt die Studie des weiteren, dass das Phänomen ›Wunde‹ eine diskurs- und epochenübergreifende, paradigmatische Rolle in der gesellschaftlichen Moderne spielt, und dass die romantische Poetik der Wunde einen impulsgebenden Faktor markiert im Umbruch von der »Episteme der Repräsentation« zur »Episteme des Menschen« (Michel Foucault). Damit eröffnet sich eine kulturwissenschaftliche Theoriebildung, mit der spezifisch moderne Problematiken und Phantasmen wie das Trauma oder der Vampirismus in einem umfassenden Wundenparadigma der Moderne verstehbar werden.