Abstract Dissertationsprojekt lic. phil. Ladina Fessler

Unter dem Arbeitstitel Der Primitivismus als "Kunstort der Avantgarde". Primitivistische Kunst und Künstlerfiguren in der deutschen expressionistischen Literatur hat die Dissertation zum Ziel, den bisher vor allem in der Kunstgeschichte diskutierten Ort der Anverwandlung zu untersuchen, der die Begegnung der Kunst der Avantgarde mit der außereuropäischen Kunst auszeichnet. Im Zentrum der Studie steht der neue Künstlertypus "Primitivist", der Ende 19., Anfang 20. Jahrhundert in der Auseinandersetzung mit der "primitiven" Kunst entsteht. Primäres Textkorpus bilden avantgardistische literarische und kunsttheoretische Texte, die den "primitiven" Künstler und/oder den europäischen "Primitivisten" thematisieren. Dabei liegt der Fokus auf Texten, die im ersten Viertel des Jahrhunderts entstehen, und welche die Anfangsphase der intensiven künstlerischen und theoretischen Auseinandersetzung dokumentieren, bevor das "Primitive" endgültig seinen Platz im künstlerischen und kulturellen Inventar der 20er/30er Jahre findet. Als Ort der Anverwandlung interessiert nicht die konkrete Ebene der Begegnung im Völkerkundemuseum oder im Atelier, auch nicht die Arbeitstechniken und Theorien der KünstlerInnen, sondern der Ort im literarischen Raum, der das interkulturelle Aufeinandertreffen diskutiert. Untersucht werden soll vor allem das historiographische und anthropologische Angebot der Literatur in Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen theoretischen Konzepten. Prädestiniert für eine Analyse dieser Interferenzen ist das kunstliterarische Werk Carl Einsteins. Dessen 1915 erschienene "Negerplastik", ein kunsthistorisch/literarischer Zwitter, der den Ton für die zeitgenössische avantgardistische Auseinandersetzung angibt, ist Angelpunkt für meine Fragen an das Phänomen Primitivismus. Der Text eignet sich vorzüglich für die Diskussion, inwieweit der Primitivismus als ein "Kunstort der Avantgarde" (Schmidt-Linsenhoff) vorgestellt werden muss, als ein Ort, dessen ästhetisches und reflexives Potential meist hoch, dessen anthropologisches und politisches Potential jedoch als gering erachtet wird.