M.A. Lucas Knierzinger – Forschungsprojekt


Selbst-Dokumentation in der Nachmoderne

Das Verhältnis von Literatur und Wirklichkeit ist stets ein ambivalentes. Es changiert zwischen einer autonomen Ästhetik des Literarischen und einer steten Abhängigkeit der Literatur von äusseren Einflüssen. Dokumentarische Schreibverfahren problematisieren dieses Verhältnis und erproben eine literarische Mimesis des Authentischen und Genauen bei einem gleichzeitigen Bewusstsein für die eigene Medialität. Dadurch ist das Dokumentarische nur eine scheinbar „kunstlose“ Form von Literatur, sondern thematisiert ein Kernelement literarischer Mimesis.

Im 20. Jahrhundert erhält das Dokumentarische mit der Verbreitung von Film und Fotografie, sowie in den geschichtlichen Rekonstruktionsbemühungen der Nachkriegszeit eine zentrale Relevanz. Gerade mit der Fotografie wird die Frage der Genauigkeit der Darstellung nicht nur an die Literatur, sondern an alle Künste, neu gestellt. Im Zuge dieser Entwicklung stellt sich auch für die Literatur eine Problematisierung der eigenen Medialität und des eigenen Wirklichkeitsbezugs ein, welche die Möglichkeiten und Grenzen mimetischer Annäherung an die Wirklichkeit neu vermisst und im Stichwort des Dokumentarischen gerinnt.
Für Autoren wie Peter Weiss, Peter Handke, W.G. Sebald und Peter Kurzeck ist der Grenzbereich des literarisch-dokumentarischen Schreibens ein zentraler Schauplatz. Sowohl in Notizbüchern und Journalen, als auch in ihren Erzählungen und Theaterstücken nutzen sie dokumentarische Schreibverfahren als Teil eines Erzählens, welches Genauigkeit und Authentizität anstrebt, gleichzeitig aber auch autoreflexiv die eigene Mittelbarkeit problematisiert und damit die Genauigkeitssuggestion unterläuft. Zugespitzt wird dieser Sachverhalt, wenn der dokumentarische Anspruch auf autobiographisches Material ausgeweitet wird und in Formen der Selbst-Dokumentation mündet. Das Dissertationsprojekt fragt nach den Funktionen und den ästhetischen Praktiken solcher Texte und verortet sie im literarischen Diskurs der Nachmoderne.