Prof. Dr. Ralf Simon - Bildkritik

 

Ralf Simon: Der poetische Text als Bildkritik, München 2009, 319 S., ISBN 978-3-7705-4893-4  (Euro 29,90)

Wie ist eine bildkritische Literaturwissenschaft zu denken? Wenn die poetische Bildlichkeit im Text, als ikonische Poiesis der Dichtung, aufgesucht werden soll, dann muss ein Bildbegriff entwickelt werden, der sich sowohl von den sichtbaren Bildern als auch von den inneren Bildern unterscheidet. Der hier vorliegende Versuch unternimmt dazu drei Anläufe. Zuerst wird der Begriff des Bildes in Anlehnung an Husserl vom Bildträger und vom Bildgegenstand unterschieden: So können die Relationen von Bild und Bildträger jenseits der Visualität gedacht werden. Zweitens wird der Bildbegriff in den Theorien vom Sprachursprung aufgesucht: So kann eine unfruchtbare Dichotomie von Sprache versus Bild unterlaufen und die Bildlichkeit im Sprachursprung verankert werden. Schließlich wird in Anlehnung an Jakobson eine Texttheorie der poetischen Bildlichkeit entwickelt. Diese Überlegungen führen zu der Bestimmung, dass der poetische Text unmittelbar eine ikonische Poiesis betreibt, aber zugleich, als Text, dem Bild opponiert: Der poetische Text ist Bildkritik.

 

Ralf Simon: Die Bildlichkeit des lyrischen Textes. Studien zu Hölderlin, Brentano, Eichendorff, Heine, Mörike, George und Rilke, München 2011, 436 S., ISBN 978-3-7705-5096-8 (Euro 56,-)

Dass Poesie als Rede in Bildern verstanden wird, gilt als Topos. Ihn historisch aufzuarbeiten, in literaturwissenschaftlicher Hinsicht als Form der Bildkritik zu bestimmen und schließlich in genaue Lektüren zu überführen, ist die Absicht des vorliegenden Buches. Die lyrischen Texte von Hölderlin, Brentano, Eichendorff, Heine, Mörike, George und Rilke werden dabei in ein Begriffsfeld eingebunden, das von der Literaturwissenschaft ausgehend den ständigen Kontakt zur Bildtheorie sucht. Es werden Formationen poetischer Bildkritik entwickelt: Erhabenheit und Bildlichkeit, Theoriebild, Rhetorik der Textbilder, intelligible Bilder, paradoxe Bilder, ikonische Dissemination, anagrammatische Bildpolitik, Prosopopöie und Erblicktwerden, textuelle Zirkulationslogiken und Bildlichkeit, Verhältnis poetischer Bildkritik zur philosophischen Reflexion. Die Überlegungen werden abschließend in der Figur des Chiasmus gebündelt. Hier stehen Rilke und Benjamin in der Überschneidung von Ding und Sammlung einander chiastisch gegenüber, um eine Konstellation zu bilden, die auf die Thematisierung des Chiasmus als Mastertrope der Bildtheorie abzielt.

 

Zusammen mit Alexander Honold (Hrsg.): Das erzählende und das erzählte Bild, München 2010, 498 S., ISBN 978-3-7705-5012-8

Ist zu erwägen, ob die Erzählung anstelle einer semantischen Dynamik eine bildliche austrägt? Die alte Narratologie ging davon aus, dass die Erzählung eine semantische Opposition auf die Zeitachse lege und so den Erzählprozess hervorbringe. Aber vielleicht ist die Erzählung die fortlaufende Exegese von Hintergrundsmetaphoriken, ikonischen Topiken und Kollektivsymboliken. Zugleich erzeugt die Erzählung aber auch Bilder und ikonische Tableaus. Steuert das Bildliche den Erzählprozess, so steht eine bildkritische Revision der herkömmlichen Erzähltheorie ebenso an wie ein Bedenken der zeitlichen Dimensionen des Ikonischen.

Der vorliegende Band versammelt Studien, die diesen Zusammenhängen literaturwissenschaftlich und kunsthistorisch nachgehen. Diskutiert werden in historischer, aber auch systematischer Perspektive ikonische und narrative Interferenzen, Mischgattungen und Übergangsformen, sowie intermediäre Erzählweisen wie Comic oder Film, in denen das Bild Erzählungen generiert oder die Narration ihrerseits in einen ikonischen Aggregatzustand übergeht. Jeweils eng an exegetische Tätigkeiten gebunden, gehen die Studien dieses Bandes den Schritt zu einer Bildtheorie des Erzählprozesses. Dabei wird sichtbar, wie die Textualität das Bild als ihr internes Anderes entwirft und es doch an die segmentierende und diskrete Zeichenform zurückbindet. Narrative Bildlichkeit ist dezidiert weder an das mentale Vorstellungsbild noch an die Verbindlichkeit eines materiellen Bildträgers von der Art des Tafelbildes gebunden. Der Bildraum der Narration ist textgeneriert, und sie gerät als solche in ein notwendiges und vielfach produktives Spannungsverhältnis zu extratextuellen Paradigmen des Bildes. Poesie ist in dieser elementaren Bestimmung auch auf dem Feld der Narration Bildkritik.

Mit Beiträgen von

Patrick Bahners, Matthias Bauer, Werner Busch, Michael Diers, Anselm Haverkamp, Alexander Honold, Eva Horn, Ulrike Landfester, Jürgen Link, Ivan Nagel, Joachim Paech, Monika Schmitz-Emans, Ralf Simon, Gerald Wildgruber

 

Zusammen mit Nina Herres, Csongor Lőrincz (Hrsg.): Das lyrische Bild, München 2010, 383 S., ISBN 978 3 7705 5011 1

Ist die Lyrik in besonderer Weise bildlich verfasst? Haben die sprachlichen Bilder in den Gedichten eine eigenständige Charakteristik? Die Studien dieses Bandes erörtern diese Fragen, indem sie, geleitet durch genaue Lektüren, über die nichtsemantischen Konstituta des lyrischen Textes nachdenken (Reim, Metrum, Zäsur), die Ereignishaftigkeit der sprachlichen Bilder betonen, ihren Zug zur Paradoxierung analysieren, ephemere Bilder untersuchen (Wolken, Schatten, Gespenster), Logiken der Defiguration, des Entzuges und der Aporetisierung aufdecken, das Verhältnis von lyrischer Benennung, Ding (Dinggedicht) und Bild bedenken und auf die Inversion des Blickens im Text aufmerksam machen. Die alte Frage nach der lyrischen Bildlichkeit erhält im Rahmen einer bildkritischen Literaturwissenschaft eine neue Deutung. Es erweist sich, dass die Gedichte ihre Bilder sowohl erzeugen als auch dekonstruieren: Die ikonische Poiesis wird durch die autoreflexive Poetik der Gedichte immer auch unterwandert und textuellen Verfahren konfrontiert.

Mit Beiträgen von

Dieter Burdorf, Winfried Eckel, Nina Herres, Zoltán Kulcsár-Szabó, Csongor Lőrincz, Sandra Richter, Armin Schäfer, Sabine Schneider, Ralf Simon, Uwe C. Steiner, Victor I. Stoichita, Susanne Strätling, William Waters

 

Zusammen mit Ulrich Gaier (Hrsg.): Zwischen Bild und Begriff: Kant und Herder zum Schema, München 2010, 254 S., ISBN 978-3-7705-5040-1

Antwortet Herders Begriff des Metaschematisierens auf Kants Schematismus? Die Debatte, die aus dieser Frage resultiert, verhandelt die Vermittlung von logischem Begriff und Anschauung über die Begriffe des Schemas und des Bildes. Kants Problem, den Kategorien Anschauungsbezug zu sichern, führt auf den Schemabegriff, weist aber den des Bildes von sich. Herders ikonisches Sprachdenken führt hingegen – etwa dokumentiert durch den Begriff des Bildwortes – Sprache und Bild in ein enges Verhältnis, leugnet aber die Möglichkeit der apriorischen Begriffe und des Kantschen Schematismus. Indem der vorliegende Band die Auseinandersetzung zwischen Kants Schematismuskapitel aus der Kritik der reinen Vernunft und Herders Metaschematisieren aus seiner Abhandlung Über Bild, Dichtung und Fabel in das Zentrum stellt, wird einerseits eine neue Sichtweise auf eine philosophiehistorische Auseinandersetzung gewonnen, andererseits aber eine der wesentlichsten Fragen der philosophischen Bilddebatte aufgenommen. Historisch wie systematisch arbeiten die Studien dieses Bandes an dem Problem des Verhältnisses von Bild und Schema und also an der Frage, ob und wie der Bildbegriff der philosophischen Debatte zugeführt werden kann.

Mit Beiträgen von

Hans Adler, Tilman Borsche, Ulrich Gaier, Brigitte Hilmer, Christoph Jamme, Thomas Nawrath, Ralf Simon, Christian Stetter, Caroline Torra-Mattenklott

 

Aufsätze zur bildkritischen Literaturwissenschaft:

Zirkulation als Gabe. Zu einigen poetologischen Figuren in Brentanos spätester Poetik des Bildlichen (Im Wetter auf der Heimfahrt), in: Gabe, Tausch, Verwandlung. Übertragungsökonomien im Werk Clemens Brentanos. Hrsg. von Ulrike Landfester und Ralf Simon, Würzburg (Königshausen & Neumann) 2009, S. 47-68.

Die Unsichtbarkeit des Gemäldes oder: ein Gemälde ist kein Bild, in: Unsichtbar. Hermeneutische Blätter 1/2 (2007), Zürich 2008, S. 212-218.

Bildpolitiken der Erhabenheit: Herder (Kalligone), Jean Paul (Vorschule), Kleist (Cäcilie), Hölderlin (Friedensfeier), in: Germanisch-Romanische Monatsschrift, NF 57,1/ 2007, 91-111.

Raabes poetologische Wälder ("Krähenfelder Geschichten"). Eine metaphorologische Analyse des Raabeschen Erzählmodells, in: Jahrbuch der Raabe-Gesellschaft 2006 (Tübingen), S. 1-16.

In die Sprache erblicken, zum Bild errufen (Stefan Georges „Algabal“), in: „Es trübt mein Auge sich in Glück und Licht“. Über den Blick in der Literatur. Festschrift für Helmut J. Schneider zum 65. Geburtstag. Hrsg. v. Kenneth S. Calhoon, Eva Geulen u.a., Berlin 2010 (erschienen 2009), S. 221-241.

Der Baum der Sprache. Zum lyrischen Bild bei Eichendorff, in: "du kritische Seele". Eichendorff: Epistemologien des Dichtens. Hrsg. v. Daniel Müller Nielaba und Sabine Schneider, Würzburg 2009, S. 51-63.

Herders Bildtheorie, in: Das Bild als Denkfigur. Funktionen des Bildbegriffs in der Geschichte der Philosophie. Hrsg. v. Simone Neuber u. Roman Veressov, München 2010, S. 139-151.

Ikononarratologie, in: Das erzählende und das erzählte Bild. Hrsg. v. Ralf Simon und Alexander Honold, München 2010, S. 301-327.

Von den Kategorien zum Schematismus oder vom Bild zur Sprache? Versuch, einen Konflikt zwischen Kant und Herder zu verstehen, in: Zwischen Bild und Begriff. Kant und Herder zum Schema. Hrsg. von Ulrich Gaier und Ralf Simon, München 2010, S. 93-118.

Was ist: „Bildkritische Literaturwissenschaft“?, in: Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft 55/1 (2010), S. 49-68.

Ein falsches Bild. Oder: Was passiert, wenn Katharsis Form wird? Zu Lessings „Emilia Galotti“, in: Formen des Nichtwissens der Aufklärung. Hrsg. von Hans Adler und Rainer Godel, München 2010, S. 249-262

Kahnfahrt mit Hegel. Heines Gedicht „Nächtliche Fahrt“ („Romanzero“) als Passage der Philosophie, in: Das lyrische Bild. Hrsg. von Ralf Simon, Nina Herres und Csongor Lörincz, München 2010, S. 87-108

 

Aufsätze in der Vorbereitung (fertiggestellt, im Publikationsvorgang):

Die Sprache als grundierender Grund und als Topographisierung des Bildes (Karl Philipp Moritz), für die Tagung/ Tagungsband: "Der Grund", hg. v. Matteo Burioni und Gottfried Boehm

Weltbild. Imagination und Architektur (Arno Schmidt: Kosmas oder Vom Berge des Nordens), für die Tagung/ Tagungsband "Bilder des Architektonischen", hg. v. Andreas Beyer, Ralf Simon, Martino Stierli

Ikonische Prädikation und spekulativer Satz. Überlegungen zum Verhältnis von Prädikation und Bild, erscheint im Tagungsband „Macht und Ohnmacht der Sprache“, hrsg. von Emil Angehrn und Joachim Küchenhoff