SNF-Forschungsprojekt: Der Theatermonolog und die Literarisierung des Fastnachtspiels bei Hans Sachs

 

In der Gattungsgeschichte des Fastnachtspiels in Nürnberg – dem dank einer dichten Überlieferung am besten dokumentierten lokalen Traditionszusammenhang des kulturellen Phänomens Fastnachtspiel im 15. und 16. Jahrhundert – begegnet das monologische Selbstgespräch einer Bühnenfigur seit den 1530er Jahren in grosser Zahl und Vielfalt in den Werken von Hans Sachs, des produktivsten deutschsprachigen Dichters des 16. Jahrhunderts. Im älteren Bestand der Nürnberger Fastnachtspielüberlieferung fehlt die literarische Technik dagegen ganz; hier gab es nur Ansprachen ans Publikum vor allem in Prologen und Epilogen. Der Theatermonolog darf als das markanteste Beispiel für die Literarisierung des Fastnachtspiels gelten, die die germanistische Literaturwissenschaft neben der reformatorischen Instrumentalisierung als wichtigste gattungspoetische Leistung von Hans Sachs beurteilt. Eine genaue Phänomenologie dieser Literarisierung sowie eine Untersuchung ihrer literarhistorischen Voraussetzungen und ihrer kulturhistorischen Bedeutung stellt indes ein Forschungsdesiderat dar. Im Rahmen des Projekts sollen 1. die Funktionen des Monologs im Fastnachtspielkorpus von Hans Sachs (85 Texte mit 347 Monologen) analysiert werden; 2. soll die produktionspoetische Kompetenz, auf der die Verwendung der literarischen Technik beruht, rekonstruiert werden; 3. soll die Literarisierung des Fastnachtspiels anhand des Monologs als eines exemplarischen Phänomens bildungs- und mediengeschichtlich kontextualisiert werden.

Das Projekt soll folgende Thesenkomplexe entfalten und analytisch absichern: 1. Die Monologtechnik als Modellfall für die produktionspoetische Kompetenz, die der Literarisierung des Fastnachtspiels zugrunde liegt, bezog Hans Sachs vor allem aus der Rezeption antiker und neulateinischer Dramentexte, die in vielen, aber nicht allen Fällen durch zeitgenössische deutschsprachige Übersetzungen vermittelt ist. Texte dieser Art bearbeitete er neben weiteren literarischen Vorlagen für seine anderen beiden Schauspieltypen, die Comedien und Tragedien. Unter dem Aspekt der Verfahrensweisen verdankt sich die Literarisierung des Fastnachtspiels deshalb poetologiehistorisch den Angeboten der humanistischen Gelehrtenkultur. 2. In den literarischen Vorlagen, die Sachs für seine Fastnachtspiele bearbeitete, gibt es im Unterschied zu den Vorlagen der Comedien und Tragedien kaum Monologe; etliche Fastnachtspiele haben gar keine direkten Textvorlagen. Die Monologtechnik ist deshalb in den Fastnachtspielen eigenständiger eingesetzt als in den anderen beiden Schauspieltypen, so dass die Fastnachtspiele die poetologische Kompetenz von Hans Sachs als Ergebnis eines in der Comedien- und Tragedien-Produktion vollzogenen Aneignungsprozesses unter allen drei Schauspieltypen am besten dokumentieren. 3. Im Hinblick auf ein historisches Publikum, das keinen oder einen nur begrenzten Zugang zur gelehrten literarischen Bildungstradition hatte, leisten die Comedien und Tragedien in der theatralen Inszenierung und deshalb ohne vorausgesetzte literarische Lektürekompetenz neben der Vermittlung theologischen und ethischen Wissens eine Vermittlung literarischen Wissens, die in erster Linie an die bearbeiteten Stoffe gebunden ist und sich in Abhängigkeit von den Stoffen zugleich als Einübung in die Rezeption komplexerer poetischer Techniken deuten lässt. Die Literarisierung des Fastnachtspiels gewinnt ihre kulturelle Bedeutung dagegen weniger durch die Vermittlung von Stoffen aus der gelehrten Bildungstradition an ein bildungsferneres Publikum, sondern aus der Einübung davon abgelöster, auf Stoffe einfacherer volkssprachlicher Gattungen projizierter literarischer Verfahrensweisen. Die Fastnachtspiele von Hans Sachs dokumentieren deshalb eine sicher nicht hochkomplexe, aber doch als solche identifizierbare verfahrenstechnische Humanismusrezeption, die neben ihrer Funktion als Einübung der Adressaten in literarische Techniken auch eine zentrale Funktion für das historische Autorschaftskonzept des Fastnachtspieldichters Hans Sachs hat.

Das Projekt wurde im Februar 2015 abgeschlossen, die Drucklegung der Monographie ist in Vorbereitung.


Projektmitarbeiterin: Karolin Freund, M.A.