Geschichte des Deutschen Seminars

In Basel reicht die methodisch reflektierte Beschäftigung mit den Zeugnissen deutscher Sprache und Literatur bis in die Zeit des oberrheinischen Humanismus zurück; sie erwächst aus der lateinischen Gelehrtenkultur Mitteleuropas und ist sowohl mit der Gründungsgeschichte der Basler Universität wie auch mit der Entwicklung des Druck- und Verlagsstandortes Basel verbunden.

Erst mit dem Universitätsgesetz von 1818 wurden die artes liberales als Philosophische Fakultät den anderen Fakultäten gleichgestellt und mit ordentlichen Lehrstühlen dotiert, darunter auch einem 1819 besetzten Lehrstuhl für „Deutsche Literatur“ (Carl Friedrich Sartorius). Die Denomination umfasste hier noch im wesentlichen Literatur des Mittelalters, Altertumskunde und Mythologie. Mit dem Berliner Wilhelm Wackernagel, der 1832 auf Empfehlung Karl Lachmanns und Jakob Grimms den Lehrstuhl übernimmt, hielt die neue, wissenschaftliche Spezialisierung versprechende philologische Ausrichtung der Germanistik (Editionswesen und vergleichende Sprachgeschichte) in Basel Einzug. Wackernagel wurde in seinen siebenunddreißig Basler Dienstjahren für das Seminar und seinen Aufschwung zur prägenden Figur. Seine vor allem sprachwissenschaftlich ausgewiesenen Nachfolger Moritz Heyne (1870-1883) und Otto Behaghel (1883-1888) wechseln nach wenigen Jahren nach Göttingen bzw. Gießen. Im Jahr 1885 wurde aus dem Lehrstuhl ein ganzes Seminar, als Germanisch-Romanisches Seminar bis 1913 mit der Romanistik verbunden. Man residierte am Münsterplatz 8 im Gebäude der Allgemeinen Lesegesellschaft. Neben der wissenschaftlichen Zielsetzung wird die Lehrerausbildung für die Gymnasien als Aufgabe formuliert.
Anfangs des 20. Jahrhunderts erst etablierte sich eine deutliche Arbeitsteilung zwischen neuerer Literatur- und Sprachwissenschaft. Zu Beginn des Wintersemesters 1900 waren neue Räume im Bischofshof bezogen worden, sieben Jahre später erfolgte die Übersiedlung ins Haus Augustinergasse 8. Dort übernahm 1912 Julius Petersen, der später auf seinem Berliner Lehrstuhl zu einem der ersten Wissenschaftsmanager der Germanistik werden sollte (u.a. Begründung der Schiller-Nationalausgabe), für drei Jahre den literaturwissenschaftlichen Lehrstuhl; ihm folgten der geistesgeschichtlich ausgerichtete Rudolf Unger und 1917 bis 1935 dann Franz Zinkernagel. Sein Nachfolger wurde der aus Zürich berufene Walter Muschg (wie Emil Staiger ein Schüler Emil Ermatingers). Muschgs vielbeachtetes Konzept einer „Tragischen Literaturgeschichte“ stellte, in Interpretationen von der Antike bis in die Gegenwart, die Szene der poetischen Produktivität und ihre gesellschaftlichen ‚Opfer‘ in den Mittelpunkt des Nachdenkens über Literatur und ihren besonderen Status.
1920 konnte mit Andreas Heusler die Ältere Abteilung ein eigenes Ordinariat besetzen, das Altertumskunde und Philologie verband. Den Lehrstuhl der Älteren Abteilung nahm von 1938 an Friedrich Ranke ein, der mit seinen Forschungen zur Literatur des höfischen Mittelalters (u.a. seiner bedeutenden Tristan-Ausgabe) das Profil der Basler Mediävistik schärfte. Von 1952 an übernahm Heinrich Wagner für sechs Jahre diesen Lehrstuhl, von 1958 bis 1988 sodann Heinz Rupp; in seiner Person verband sich nochmals die andernorts bereits aufgegebene Einheit von Mediävistik und Linguistik. Mit der Berufung Ernst Erhard Müllers auf einen Lehrstuhl für Geschichte der deutschen Sprache und Mundartforschung gewann die deutsche Sprachwissenschaft an Gewicht. Durch Heinrich Löffler, der 1975 einen eigenständigen Lehrstuhl für Sprachwissenschaft einnahm (emeritiert 2004), trug das Deutsche Seminar der wachsenden Bedeutung der Linguistik Rechnung.
Längst hatte sich der Zuschnitt des Seminars wiederum dramatisch gewandelt. 1913 zählte das Seminar mit seinen Dozierenden und Studenten insgesamt 59 Mitglieder, eine bis dahin unerreichte Rekordzahl. Der vom Staat gewährte jährliche Seminarkredit betrug zu jener Zeit 100 Franken. Für viele Jahrzehnte war ab 1917 das Seminarhaus am Stapfelberg 7 die Heimat des Deutschen Seminars; in den sechziger und siebziger Jahren zog man vorübergehend erst an den Aeschengraben 9, später auf Kleinbasler Seite in die Clarastraße 13, ehe 1990 das heutige, aufwendig renovierte Domizil im Engelhof bezogen werden konnte. Die Zahl der Seminarmitglieder stieg von 437 im Jahre 1968 bis auf das Doppelte zwanzig Jahre später. Zugleich wurden in den fünfziger und sechziger Jahren neue Assistenzstellen eingerichtet (1952 gab es nur eine Assistenz, 1968 schon ganze acht); hinzu kam ferner ein Extraordinariat für Neuere Literatur (Louis Wiesmann).
In der Neugermanistik waren es nach Muschg die 1968 zeitgleich berufenen Ordinarien Karl Pestalozzi und Martin Stern, die den steigenden Studierendenzahlen im Gefolge der 68-Bewegung und dem wachsenden Interesse an einer gesellschaftlich ausgerichteten, gleichwohl ästhetisch ‚eigensinnigen‘ Literaturwissenschaft mit einer erheblichen Ausweitung des Lehrangebots und der theoretisch-methodischen Bandbreite des Faches entgegenkamen. Für mindestens eine wissenschaftliche Generation prägen sie, nicht zuletzt auch durch das Rektorat Karl Pestalozzis, in besonderer Weise das öffentliche Erscheinungsbild des Deutschen Seminars. Von 1980 an bis ins Jahr 2001 übernahm mit Christoph Siegrist als Nachfolger von Louis Wiesmann ein Dozent das Extraordinariat für Neuere Deutsche Literatur, der auch den Kontakten zur zeitgenössisches Literatur besonderes Gewicht zu geben vermochte. Gabriele Brandstetter, die 1997 die Nachfolge Martin Sterns antrat, förderte in ihrer Basler Zeit bis 2003 sowohl die theaterwissenschaftliche Dimension der Germanistik wie auch die kulturwissenschaftliche Neuausrichtung, etwa durch Beschäftigung mit den Themen Tanz und Performance.